Nähcafe

Die Idee und Realisation des Nähcáfes in Kemel

Seit Beginn der „Flüchtlingskrise“ im Herbst 2015 mache ich bereits Sprachunterricht mit Geflüchteten in der Taunuskaserne und helfe bei anderen Problemen.

Dabei beobachtete ich eine große Ängstlichkeit vor allem der Frauen einfach drauf los zu sprechen. Einfach gebildete Frauen, vor allem aus mehrsprachigen Gebieten wie Afghanistan oder aus dem Irak, hatten diese Hemmung nicht so ausgeprägt. Sie wollen vor allem eins: kommunizieren. Und das ist ja auch der Sinn des Spracherwerbs. Witzigerweise: je höher das Bildungsniveau, desto höher schien die Hemmschwelle zu sprechen und dabei Fehler zu machen.

verschiedene Gewürze

Ich überlegte, wie ich ungezwungene Sprechanlässe schaffen kann. So entstand die Idee, gemeinsam zu arbeiten. Wir begannen erst mit gemeinsamen Kochen. Das war aber recht schwierig, da die Küchen in der Unterkunft sehr simpel ausgestattet sind und wir bei mir zuhause kochten. Immerhin lernte ich dabei einige interessante kurdische, marokkanische, afghanische, persische, türkische und syrische Rezepte und Gewürze kennen. Außerdem konnten einige Events wie das jährliche Begegnungsfest oder andere Veranstaltungen davon profitieren.

Irgendwann wollte ich das nicht mehr bei mir zu Hause machen, da die Gruppe zu groß wurde. Nach weiterem Suchen fand ich DIE Idee: gemeinsam nähen!

Frau mit Kopftuch an Nähmaschine
Beim Nähen von Stoffmasken aus alten Tüchern und bunten neuen Stoffen

In der Kleiderkammer können die Geflüchteten günstig Kleidung erstehen, die aber oft nicht passend ist und abgeändert werden muss. Oder sie möchten sich aus neuen Stoffen Kleidung nähen und fragten mich nach Schnitten oder Material und nach Nähmaschinen. Manche der Frauen hatten bereits gute Vorkenntnisse, andere waren absolute Anfängerinnen in diesem Geschäft. Wieder andere wollten eher Häkeln oder Stricken.

Gemeinsam mit der damaligen Flüchtlingsbegleiterin der Gemeinde Heidenrod, Kerstin Andußies, starteten wir 2017 einen Aufruf im Heidenroder TIP und baten die Bürger um alte Nähmaschinen, Stoffe und Nähmaterial.

Die Resonanz war überwältigend. Einige Nähmaschinen – elektrisch oder fußbetrieben – fanden den Weg zu mir, säckeweise Stoffe, Garn, Reißverschlüsse und vieles mehr. Aus Walluf bekam ich einen weiteren Schwung Nähmaschinen und Stoffe aus dem dortigen Nähprojekt mit Geflüchteten. Leider waren viele der Nähmaschinen doch zu alt oder hätten zu viel Geld für Reparaturen gekostet. Andere Maschinen konnte ich direkt an interessierte Frauen weitergeben, die sie bis heute eifrig benutzen. Darüber hinaus konnten wir Geld vom Rheingau-Taunus-Kreis für Frauenprojekte bekommen, von dem wir drei neue Nähmaschinen und sehr gute Scheren erstanden.

Jetzt stand ich da mit acht Maschinen, viel Material und schleppte das jedes Mal freitags in den Raum für Sprachunterricht (Gruppenraum im Kemeler evangelischen Gemeindehaus) und schleppte es auch wieder nach Hause. Bis Herr Pfarrer Seickel in Absprache mit dem Pfarrgemeinderat mir einen festen Raum im Keller des Gemeindehauses anbot, den ich nach meinen Vorstellungen einrichten konnte.

Präsentation auf dem Handwerkermarkt der Kulturvereinigung Heidenrod (KVH) im November 2019

Heute haben wir dort einen schön eingerichteten Raum mit Schränken, Regalen, feststehenden Tischplätzen mit Maschinen und zum Zuschneiden, einer Kinderspielecke und es ist noch genügend Platz für den Sprachunterricht in der Mitte des Raumes. Und das Beste: es kommen einheimische und geflüchtete Frauen – das gemeinsame Arbeiten und die gegenseitige Hilfe macht uns allen einen riesige Spaß!

Ursula Giebel

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